Wann darf Leichte Sprache vom Originaltext abweichen?

Übersetzungen in Leichte Sprache sollen möglichst nahe am Originaltext bleiben. Das betrifft Struktur, Inhalt, Fachlichkeit und grafische Gestaltung. Dieser Grundsatz ist Teil des Inklusionsgedankens: Alle Menschen haben das Recht auf gleiche, ungefilterte Information. Übersetzungen in Leichte Sprache sollen eine Brückenfunktion haben. Das heißt: Die Leser können sich in Leichter Sprache einen Überblick verschaffen und zur Vertiefung in den standardsprachlichen Originaltext gehen.

Den Text-Nutzen erklären

Allerdings gibt es auch Gründe, vom Original abzuweichen: Die Übersetzung in Leichte Sprache muss fehlendes Wissen und mangelnde Leseerfahrungen kompensieren. Der Übersetzer in Leichte Sprache sollte zum Beispiel bei einem Wahlprogramm oder einem Leitbild erklären, was es mit dieser „Textsorte“ auf sich hat.  Die Lesenden erfahren daraus das Ziel des Auftraggebers. Sie können für sich entscheiden, ob sie den Text lesen wollen. 

Bei Übersetzungen in Leichte Sprache ist die Gliederung noch wichtiger als in der Standardsprache. Lesegeübte verschaffen sich absatzweise einen Überblick, auch inhaltliche oder zeitliche Sprünge sind für sie kein Problem. Die Lesenden in Leichter Sprache erschließen sich den Text Wort für Wort und Satz für Satz. Der Übersetzer für Leichte Sprache muss darum die Informationen in eine für seine Zielgruppe logische Ordnung (meistens chronologisch) bringen.  

Konkrete Begriffe verwenden

Leichte Sprache bläht die Übersetzung auf. Alle für das Thema wichtigen Fremdwörter müssen erklärt oder mit Beispielen veranschaulicht werden. Unwichtige Fremdwörter können – in Abstimmung mit dem Auftraggeber – durch einen alltagsüblichen Begriff ersetzt oder ganz weggelassen werden. Fehlende Grundbildung und Erfahrungen erfordern zusätzliche Erklärungen. Abstrakte Begriffe (Einrichtung) werden durch konkrete ersetzt (Stuhl und Tisch). *1

Lange Texte mindern die Lesebereitschaft – gerade bei den Lesenden Leichter Sprache. Es kommt also beim Übersetzen auf das richtige Maß an. Auftraggeber und Übersetzer vereinbaren im Briefing den Umfang der Übersetzung und den Grad möglicher Abweichungen.

*1 Funktionen der Leichten Sprache in: Prof. Ursula Brendel, Prof. Christiane Maaß, Duden Leichte Sprache, theoretische Grundlagen, ISBN 978-3-411-75616-2, Leseprobe

Category: FAQ Leichte Sprache
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